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1. Die Entdeckung und Ausgrabung

Die römische Großkelteranlage von Piesport wurde 1985 im Zuge der Flurbereinigung am westlichen Ortsrand von Piesport, unmittelbar an der Mosel, entdeckt. In den Jahren 1985 und 1986 wurde sie unter der Leitung von Dr. Karl-Josef Gilles vom Rheinischen Landesmuseum Trier archäologisch untersucht und freigelegt.

Die Anlage stammt aus dem 3./4. Jahrhundert nach Christus und gehört zu den bedeutenden Zeugnissen des römischen Weinbaus an der Mosel.

Die Ausgrabungen brachten die Überreste einer außergewöhnlich großen Weinproduktionsanlage ans Licht. Erhalten geblieben waren unter anderem die Fundamente verschiedener Räume, mehrere Becken zur Verarbeitung der Trauben sowie bauliche Hinweise auf die Verwendung einer mächtigen Baumkelter.

Bereits zuvor waren durch Ausgrabungen von Dr. Gilles weitere römische Kelteranlagen bekannt geworden: eine gegenüber von Müstert, die auf etwa 120 bis 130 n. Chr. datiert wird, sowie eine weitere bei der Ortschaft Ferres.

Piesport verfügt somit über zwei außergewöhnliche Zeugnisse des römischen Weinbaus: die älteste nachgewiesene römische Kelteranlage nördlich der Alpen bei Müstert und die größte bekannte römische Kelteranlage nördlich der Alpen am westlichen Ortsrand von Piesport.

 

2. Die Größe und der Aufbau der Anlage

Die römische Großkelteranlage erstreckte sich ursprünglich über eine Länge von 45 Metern und eine Tiefe von 20 Metern. Das Gebäude lag unmittelbar an der Mosel. Seine Vorderfront reichte bis an das Moselufer. Von hier aus konnte der Wein auf Schiffen in die römische Kaiserstadt Trier transportiert werden.

Bei den Ausgrabungen wurden zehn Kellerräume und sieben Becken freigelegt.

 

3. Die Becken und ihre Funktionen

In der römischen Großkelteranlage sind heute noch sieben Becken erhalten, die unterschiedliche Aufgaben bei der Weinherstellung erfüllten.

a. Die Maischebecken

Zwei gleich große Maischebecken mit den Maßen von jeweils 5 × 4 Metern sowie ein kleineres Maischebecken mit den Maßen 5,60 × 2 Metern.

In diesen Becken wurden die Trauben mit den Füßen getreten und so die Maische hergestellt.

b. Die beiden Kelterbecken

Die beiden Kelterbecken sind halbkreisförmig gestaltet. (Durchmesser 2.5 m) In ihnen standen die Kelterkörbe, in denen die Maische ausgepresst wurde. Der dabei gewonnene Most floss in die tiefer gelegenen Mostauffangbecken.

c. Die beiden Mostauffangbecken

Die beiden Mostauffangbecken hatten eine Grundfläche von jeweils etwa 2,30 × 1,80 Metern und eine Tiefe von gut einem Meter.

Das praktisch nutzbare Fassungsvermögen lag nach unserer vorläufigen Einschätzung bei bis zu 2.000 Litern pro Becken.

Aus diesen Becken wurde der Most mit Eimern geschöpft und zur weiteren Verarbeitung und Lagerung in Fässer gefüllt.

 

4. Die Baumkelter und das Keltern

Die Kelteranlage in Piesport verfügte über eine Baumkelter mit zwei Kelterkörben. Der erste Korb diente der ersten Pressung, bei der der qualitativ bessere Most gewonnen wurde. Im zweiten Korb wurde der Trester aus der ersten Pressung nochmals ausgepresst. Dieser Most war von geringerer Qualität.

Der Pressdruck wurde durch einen mächtigen Kelterbaum erzeugt, an dessen Ende eine große Holzspindel mit einem schweren Kelterstein befestigt war.

Vor dem Pressen wurde der Kelterbaum angehoben und die beiden Körbe gefüllt: der erste mit frischer Maische, der zweite mit dem Trester aus der ersten Pressung. Auf die Maische wurden eine Holzplatte und mehrere kleinere Holzbalken gelegt, bis diese den Kelterbaum berührten.

Zum Pressen wurde nun der schwere Kelterstein mithilfe der Holzspindel nach oben gedreht. Dadurch entstand der notwendige Druck auf die Kelterkörbe. Das Hochdrehen des Keltersteins erforderte die Kraft von zwei kräftigen Sklaven, wie sie im römischen Weinbau als spezialisierte Arbeitskräfte eingesetzt wurden.

Der Most aus der ersten Pressung floss in das eine Auffangbecken, der Most aus der Nachpressung in das andere.

Die beiden Kelterkörbe und die getrennten Auffangbecken ermöglichten somit eine Trennung des Mostes nach seiner Qualität.

 

5. Die Weinbergsflächen und ihre Erträge

Der römische Agrarschriftsteller Columella beschreibt Weinbauerträge, die umgerechnet bis zu 6.000 Liter Wein pro Hektar erreichen konnten. Bei einer angenommenen Weinbergsfläche von 80 Hektar ergibt sich daraus eine jährliche Produktion von rund 480.000 Litern Wein. Dafür mussten etwa 720 Tonnen Trauben geerntet und verarbeitet werden. Bei einer Weinlese von mindestens drei Wochen bedeutete dies eine tägliche Verarbeitung von etwa 35 Tonnen Trauben, aus denen rund 29.000 Liter Maische gewonnen wurden.

Die Trauben wurden in Körben mit einem Fassungsvermögen von etwa 25 Kilogramm aus den Weinbergen zur Kelteranlage transportiert. Dazu dienten Esel als Lasttiere oder Tragstangen, an denen jeweils zwei Sklaven die Körbe trugen. Bei einer täglichen Erntemenge von rund 35 Tonnen bedeutete dies etwa 1.400 Korbladungen pro Tag.

Der Kelterkorb hatte bei den angenommenen Maßen von 2 × 1,5 × 2 Metern ein nutzbares Fassungsvermögen von rund 5 m³. Daraus ergeben sich unter Berücksichtigung der praktischen Arbeitsbedingungen etwa sieben Pressungen täglich. 

Die außergewöhnliche Größe der Piesporter Großkelter lässt auf einen entsprechend umfangreichen und gut organisierten Weinbaubetrieb schließen.

 

6. Die Weinmenge und ihre Qualität

Bei einer angenommenen Rebfläche von gut 80 Hektar im Piesporter Berg, etwa ein Fünftel weniger als heute, lag die jährliche Weinproduktion rechnerisch bei rund 480.000 Litern.

Durch die getrennte Erst- und Nachpressung entstanden unterschiedliche Weinqualitäten. Nach praktischen Erfahrungswerten entfiel etwa ein Drittel der gewonnenen Weinmenge auf die Nachpressung.

Daraus ergibt sich folgende geschätzte Jahresproduktion:

 

Weinqualität

Menge

Wein aus der ersten Pressung, höhere Qualität                  320.000 Liter
Wein aus der Nachpressung, geringere Qualität                  160.000 Liter
Tresterwein („Bubbel“), zusätzlich                         ca. 100.000 Liter
Gesamtproduktion              ca. 580.000 Liter

 

Der Tresterwein – an der Mosel „Bubbel“ genannt:

Auch der ausgepresste Trester wurde weiterverarbeitet. Dazu wurde er in einem Becken mit den Füßen festgestampft. Anschließend wurden Wasser und teilweise Kräuter oder Honig hinzugegeben. Der Trester wurde mit Erde verschlossen.

Durch die noch vorhandenen Zuckerreste setzte eine erneute Gärung ein. Nach einiger Zeit, meist im November, wurde der vergorene Trester nochmals gepresst. So entstand der Tresterwein, der auch als „Sklavenwein“ bezeichnet wurde.

Dieser Wein schmeckte eher wässrig, enthielt aber Gerbstoffe aus den Traubenschalen und Stielen.

Insgesamt könnte die Piesporter Großkelter somit jährlich rund 580.000 Liter Wein unterschiedlicher Qualität produziert haben.

 

Zum Abschluss – ein römischer Weinbrauch

Zum römischen Weinfest der Meditrinalia am 11. Oktober wurde alter Wein mit neuem Wein vermischt. Dazu sprach man einen überlieferten Segensspruch, den wir sinngemäß so wiedergeben können:

Alter Wein zu neuem Wein.

Der alte Wein soll deine Krankheiten heilen, 

der neue Wein dich vor neuen Krankheiten bewahren.

 

Text: Aloys Leyendecker, Piesport

 

Literaturhinweise

  • Karl-Josef Gilles: Bacchus und Sucellus.
  • Decimus Magnus Ausonius: Mosella (um 371 n. Chr.).
  • Lucius Iunius Moderatus Columella: De re rustica (Über die Landwirtschaft), insbesondere Bücher III und IV.
  • Karl-Wilhelm Weeber: Weinkultur der Römer.
  • Aloys Leyendecker: Skript des „Sucellus“ zur Kommentierung der praktischen Vorführungen an der römischen Großkelteranlage in Piesport. Unveröffentlichtes, über mehrere Jahre fortgeschriebenes Manuskript.